Rhingulphs Ermunterung

[327] Heil mir! daß solch ein Saitenspiel

Vom Himmel mir zum Loose fiel,

Womit ich, tugendhafter Mann,

Dir Kampf und Arbeit lohnen kan!


Zwar sang ich sonst an Irmgards Brust

Der Göttin Freya Frühlingslust,

Und, warm von Herthas Honigwein,

Den frischen bunten Herbst im Hain.


Da strömte durch den Eichengang

Im Walde wonniger Gesang,

Bis sich das Lied am Felsen brach;

Da sangen mirs die Elfen nach:


Und ich war, wie die Biene schwärmt,

Sich an den Sommerlüften wärmt,

Vom Thaue trinkt, von Blumen ißt,

Und mit Gesumme fröhlich ist.


Doch mächtig, wie Allvater schuf,

Traf meine Seel' ein andrer Ruf:

»Held Herman sey nun dein Gesang;

»Dein Lied sey, Varus Untergang!«


Gefallen, ja gefallen ist

Vor uns der klugen Römer List:

Triumph! Zerdonnert ist die Macht

Der Stolzen, und ihr Ruhm wird Nacht!
[327]

Drum itzt von meinem Spiel zurück

Der Freuden und der Liebe Glück!

Herab vom zarten Schwalbenton

Tobt es in tiefern Saiten schon,


Und stimmt auf Hermans Siegeslied.

Mit großer Thaten Bürde zieht

Die Heldenzeit auf ihrer Bahn,

Und reißt das Lied mit sich hinan.


Dort wecket seines Jubels Schall

Der göldnen Sterne Wiederhall,

Und Hermans Name tönt ins Zelt

Der Götter, wie hier durch die Welt.


»Horch!« – rufte Thuisko: – »horcht, da zieht

Rhingulphs des frommen Barden Lied!« –

Da schauerte mein Herz; da fiel

Ein Eichenkranz mir auf mein Spiel.

Quelle:
Deutsche Nationalliteratur, Band 48, Stuttgart [o.J.], S. 327-328.
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